Junge Stadt in alten Mauern

Vereine, Organisationen und Kirchen

Künstlergruppe Waiblingen


71336 Waiblingen

Vorsitzende(r):
Herr Michael Schützenberger
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Vereinsporträt
Mitglieder:

Sibylle Bross artist@sibylle-bross.de
Birgit Entenmann birgit.entenmann@gmx.de
Klaus Hallermann
Gerhard Hezel gerhard.hezel@t-online.de
Wolfgang Jaehrling wolfgang.jaehrling@gmx.net
Albrecht Pfister info@albrechtpfister.de
Michael Schützenberger schuetzenberger@gmx.de
Diethart Verleger info@diethart-verleger.de
Monika Walter info@mowart.de
Jan F. Welker welker@atelier-welker.de
Barbara Wittmann info@barbara-wittmann.de
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Rede zur Eröffnung am 2. Dezember 2018 von Wolfgang Neumann

 
Liebe Familie Villinger, lieber Herr Oberbürgermeister Hesky,
Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freundinnen/Freunde und Kollegen der Waiblinger Künstlergruppe,
verehrte Gäste und Kunstbegeisterte,

es freut mich, dass ich heute – wie es die Tradition will – einige einführende Worte über die Künstler und Werke verlieren darf. Als ich dafür angefragt wurde habe ich daher sehr gerne zugesagt.
 
Das Procedere einer Jahresausstellung der Künstlergruppe, die ja schon weit über 50 Jahre besteht, ist uns und Ihnen, wenn Sie nicht zum ersten mal da sind, hinlänglich bekannt. Man erwartet über viele Stockwerke verteilt viel und gute Kunst, eine launige Rede des Oberbürgermeisters, Wein und Snack in einer abgerundeten Stimmung adventssonntäglicher Vorfreude. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein; Die Aufgabe des Kunstsachverständigen als Schmelzkäse zwischen diesen „Brotscheiben“ im Kunstsandwich ist es nun keinen langatmigen – um im Bild zu bleiben – Ziehkäslangen Sermon abzugeben, sondern am besten kurz, knackig und unterhaltsam alle 8 (!) der diesmal teilnehmenden Künstler mit einem Spotlight treffsicher darzustellen und ihre neuesten Werke sprachlich ins rechte Licht zu rücken und damit gebührend zu würdigen. Ohne dass die Gäste auf den Sitzen nervös werden und gähnend auf die Uhr schielen. Das ist freilich eine Aufgabe, die sich nicht leicht meistern lässt, sie entspricht der berühmten Quadratur des Kreises. Ich möchte daher die künstlerische Freiheit in Anspruch nehmen, und habe mir erlaubt jeweils mit kurzen dreizeiligen Gedichten auf die Werke zu reagieren, die im Umfang an das japanische Haiku angelehnt sind. Mit dem Ziel den visuellen Eindrücken ein offenes Wortgebilde als Resonanzraum gegenüberzustellen.
 
So, wie Sie heute durch das lichtdurchflutete Zeitungshaus Ihren Weg über das geräumige Treppenhaus hinein in diesen Raum gemacht haben und sich die Bilder nach und nach auf verschiedensten Ebenen ins Blickfeld schieben, werde ich in meinem Ausstellungsrundgang der Reihe nach vorgehen. Gehen Sie mit mir innerlich diesen Weg nochmals zusammen (es in Wirklichkeit umzusetzen, stelle ich mir bei dieser Gruppengröße etwas schwieriger vor. Meine Methodik sieht vor, mich jedem künstlerischen Werk betrachtend zu nähern, dann zur Person, ihrer Thematik etwas zu sagen und dann mit dem Gedicht zu enden.
 
Wir starten im Foyer: Birgit Entenmann
Ein fast quadratisches Format zieht mich an. Innere Blue Note Trompetenklänge von Miles Davis rufen: komm näher. Zunächst sehe ich Blau fließen, dann Geometrie und kantige Flächen ins Flüssige eingezogen. Städtebau und menschliche Silhouetten begegnen grafischen Kürzeln, die sich aus dem Dunklen herauslösen oder mit dem Hintergrund in Spiegelflächen verschmelzen. Es gibt Fluchtpunkte und Räume, aber auch manche Brüche im Kontinuum und Rahmen, aus denen Figuren in den nächsten Raum treten wollen. Es herrschen kalte Farben, die überlagernd in horizontalen Farbstreifen aufgebaut werden, die Vielschichtigkeit wird durch Papier verstärkt, das auf den Bildträger Holz collagiert und wieder übermalt wurde.
Das aus vielen Farben heraus entwickelte Blau definiert Aggregatszustände von Flüchtigem und Fließendem: Regen, Wolken, See, Meerwasser, Eis.
Die Malerin Birgit Entenmann erschafft mit jedem der ausgestellten Bilder einen völlig neuen Bildraum und definiert in diesem kühlen Farbspektrum sehr unterschiedliche Tiefen, Härtegrade und Weichheiten in der Gestaltung. Spannungsreich stellt sie grafische gegen flächige Parts, Helligkeiten gegen Dunkelheit. Gebautes trifft auf elementare Natur, Wolkiges auf Geometrie. Aufschlussreich sind auch ihre Titel; sie heißen: „Troubled Water“, „Eisfeld“ oder „Virtueller Raum“, in letzterem tauchen binäre Zahlencodes auf und sinken ins Blaue hinein...bei aller sublimierten Leichtigkeit bleibt zugleich eine mystische Rätselhaftigkeit bestehen.
„Entrance“, (Eingang) ist der Titel eines weiteren Werkes, viel schlüssiger könnte eine Eingangssituation für das transparente Foyer des Zeitungshauses kaum bespielt werden.
So blaue Augen brauchst du nicht
Im Grund liegt die Muschel
Mein Fuß
 
 
 
 
 
Monika Walter
Eine strenge Reihe informiert mich, schwarz auf orange. Mit hartkantig fetten Buchstaben (Bold) liest man befremdliche englischsprachige Informationen über Personen, die über 43 kg wiegen, über Anschnallmöglichkeiten und immer wieder das Wort „Front“ und wieder „Adult“. So flächig auf ihren Keilrahmen wirken die Bilder wie Warnschilder, die manche von uns vielleicht noch von militärischen Zonen kennen. Doch diese Schilder zeigen Ausschnitte von Aufdrucken und Beschriftungen gängiger „persönlicher Auftriebsmittel“ der Norm DIN EN ISO 12402, also Rettungswesten, wie sie – als letzte Überlebensmöglichkeit gewissermaßen – auch vielen der Bootsflüchtlinge angelegt sind, die seit Jahren zu tausenden ein besseres Leben in Europa suchen. Die Rettung ist jedoch keineswegs garantiert. Eindringliche Bilder mit Kaskaden dieser Westen als Readymades schuf auch der chinesische Künstler Ai WeiWei, der Säulen mit diesen Warnwesten einpacken ließ. Säulen stehen der griechischen Antike auch stellvertretend für Menschenmaß und rational moralisches stabiles Selbstverständnis europäischer Staaten.
Das Wort „Front“ und seine kriegssprachliche Komponente will mir dabei nicht aus dem Kopf gehen, zumal die europäische Grenzwache „Frontex“ um im Bild zu bleiben auf die Flüchtlinge wirken soll wie „Tipp-Ex“ auf „Schreibfehler“: Mission übertünchen, unsichtbar, ungeschehen machen...
Ohne Titel, ja gewissermaßen „ohne Worte“ lässt Monika Walter uns mit diesen glatt und emotionslos gemalten Anleitungen zur Rettung in unserer adventlichen Sonntagsveranstaltung alleine und stellt Fragen: Wie kann man mit offenen Augen durch eine Welt gehen, deren auch mediale Bilder voller Zwiespalt und Härten sind? Wie soll man mittels Kunst und Ästhetik ein Verhältnis zu diesen Bildern schaffen, gerade angesichts unvereinbarer Fronten? Das Zeitungshaus, als Ursprungsort freier Presse für uns auch ein Auge in der Welt, ist möglicherweise ein guter Platz um solche Diskussionen zu führen.
Monika Walters Gemäldeserie „Inmitten I-IV“ integriert die Symbole der Rettungswesten in freiere Malerei und zeigt – diesmal mit lebendigem Pinselstrich -einen subjektiven Weg, diese Inhalte persönlich zu verarbeiten. Die vorherrschende gelbe Farbe hat dabei alarmierenden Charakter, sie galt im Mittelalter als Farbe des Neides, als Schandfarbe von diskriminierten Gruppen.
                Die Latte hängt hoch, und ohne Macchiato,
                das gelbe Röhrchen im Auge
                sticht.
 
Michael Schützenberger
Schwarz auf Weiß, oder Weiß im Schwarz? Eine eckige große kubische Form ragt von schräg unten hell-kreidig ins Format. Eine harte Kante ist plötzlich wie verwischt oder anradiert, woraufhin eine Linie schwungvoll aus dem Formkörper nach oben entweicht und dabei noch einen kaligraphischen Kringel vollführt, bevor sie im Haken ein jähes Ende findet. Im Treppenhaus faszinieren die ursprünglichen Mischtechnikblätter von Michael Schützenberger.
Vergleichsweise wenig große Arbeiten hat der Bildhauer diesmal mitgebracht. Größe und Räumlichkeit, nein, es ist kein Widerspruch, werden diesmal verstärkt in Zeichnungen auf Papier gebracht. Er kann es nicht verhehlen, dass er der Bildhauer, der Materialmann, der Berserker ist. Das Gewichtige seiner Hölzer und Steine ist auch jeder Zeichnung anzusehen. Es sind Bildhauerzeichnungen nicht im Sinne einer Vorbereitung für eine plastische Umsetzung des Motivs, sondern eben im Bewusstsein für die Koordinaten des Konkreten. Er ordnet Linie, Punkt und Fläche in seinen monochromatischen Zeichnungsblättern oder wuchtigen Pinselwerken so, dass Schwere, Stabilität, Gleichgewicht und Oberfläche immer sichtbar zentrales Thema bleiben. Wenn, wie bei einem Werk „o.T.“, beim Papier die rechte untere Ecke in der Aktion abgerissen wurde, so kann es hier nur sachdienlich sein.
Als Gegenüber zu den gerahmten Blättern präsentiert Schützenberger noch zwei skulpturale Objekte mit dem Titel „Persona 1/2“ und drei Köpfe, die er „Blockköpfe“ nennt. Die ersteren sind auf vierkantigen Holzbalken montiert und zeigen, wie der Künstler mit den Vorgaben grober Materialien umgeht. Der mit Hammer und Meisel abgerundete Marmorkopf mutet wie ein Ponyschädel an, er hängt fast schwebend über den Rand des rissigen Holzes, dessen oberer Schnitt in Orange bemalt wurde. Dem kühlen Stein, dessen eigenem Charakter Schützenberger immer wieder im Nonfinito Platz einräumt, stellt er mit dem Holz einen warmen organischen Gegenpart zur Seite. Bildhauer, die wie Schützenberger ein universelles spielerisches Gespür für Material mit gleichzeitigem Sachverstand fürs Handwerk und einem inhaltlichen Spektrum von der Antike bis Beuys mit einer gehörigen Portion Schalk im Nacken verbinden, gehören – leider – zu einer immer seltener werdenden Species.
                Ums Eck und nicht ums Eck herum,
                der Bus kommt nicht, du stapfst zu Fuß
                auf Spur.
 
Jan F. Welker
Von weitem hält sie uns fest im Blick. Stolz aufgerichtet, den Rücken durchgedrückt und den Oberkörper herausfordernd gereckt zieht sie den Betrachter an und hält ihn gleichsam auf Abstand. Der rechte Arm ist nach vorne gereckt, als wolle sie das Bild gerade rücken, die linke Hand bleibt lasziv in die Seite gestemmt. Das Gemälde von ihr, der jungen Frau mit welliger, fast strahlenhafter Frisur und starkem Ausdruck, ist groß, sie ist übergroß: „Bigger Than Life“. Eine Schauspielerin ist zu sehen, unschwer erkennt man Marilyn Monroe, aber sie spielt hier ihre eigene Rolle, liefert ein Bild für ihr Image. Die Linie ihrer Augenbrauen spricht Bände. Hier möchte man stundenlang in Zwiesprache treten. Das Gemälde „Marylin“ ist eine Grisaille, d.h. es zeigt farblich eine reiche Palette von Grautönen, die ins Bläuliche spielen. Diese duotone Kolorierung kennt man aus alten Fotografien, die für dieses Gemälde auch zugrunde gelegt wurden. Es ist sicherlich 60 Jahre her, dass Marylin in diesem Alter war. Es gelingt Jan F. Welker jedoch nicht nur aufgrund der überlebensgroßen Darstellung mittels Malerei und seiner subjektiven Handschrift dieser schon oft künstlerisch bearbeiteten Diva – wir erinnern uns an die in allen Farben durchdeklinierten Marylin-Köpfe Andy Warhols – eine neue aktuelle Dimension hinzuzufügen. Marylin kam nicht allein ins Zeitungshaus, zu ihrer Seite stehen heute Jack Nicholson und Audrey Hepburn – auch hier Ikonen eines längst hinter uns liegenden 20. Jahrhunderts. Gemeinsam ist allen, dass Welker sie sehr nahe an uns heranführt, teils dramatisch anschneidet und den Bildrahmen sichtbar thematisiert. Hepburns Hand liegt am Rahmen eines Fensters. Sie sind quasi im Begriff aus dem Bildrahmen zu steigen, uns aus der Vergangenheit ins Heute entgegenzutreten. Es bleibt zu hoffen, dass sie sich nicht, wie einst Jack Nicholson, zum Türe öffnen eine Axt mitbringen.


                So groß auf der Leinwand von Schnipseln Papier
                Der Boxermotor hat Geburtstag
                Damenschenkel
 
Diethart Verleger
Drei Gemälde im mittleren Hochformat zeigen eine traumhafte Welt: Im Zentrum steht, hängt oder liegt jeweils eine leicht bekleidete junge menschliche Figur, die sich abmüht eine feste Position zu finden. Ihr Gewicht wird dabei von Ballons gezogen, ein harter dunkler Schatten fällt als Spiegelform in einen nicht formulierbaren Bildraum. Die Farben sind grell, aber freundlich. Die Lichtquelle stammt von einer Engelsgestalt, die sich hintergründig, aber frontal mit Segnungsgeste dem Betrachter zuwendet. Die Figuren sind unterschiedlich gemalt, oftmals setzen sie sich aus perlenartigen Reihen von hellen Punkten oder Streifen zusammen, was einen glitzernden flüchtigen Eindruck von Bewegung vermittelt. Große symmetrische Kugelformen definieren im Schweben jeweils eine Festigkeit für die Komposition. Sie erinnern den Betrachter an Auferstehungsbilder der Renaissance, z.B. bei Jörg Ratgeb oder Matthias Grünewald.
Genau wie die Maler der Dürerzeit geht Diethart Verleger tiefen Fragestellungen nach: (Zitat)„der Sinnhaftigkeit und Transzendenz und die Frage nach dem Urgrund des Seins, der hinter der oberflächlichen Wirklichkeit der Erscheinung liegt. Lässt sich dieser tiefere Urgrund des Seins sichtbar machen mit bildlichen Mitteln oder bleibt er auch in den schönsten Abbildungen noch verborgen? Was verbirgt sich in der Tiefe? Was hält die Welt im Innersten zusammen?“
Diethart Verleger ist ein intermedialer Gestalter, d.h. dass er seine Ausdrucksformen immer danach auswählt, welches Thema er auf welche Weise bearbeiten möchte: Seine aktuellen Fotografien im Breitformat zeigen kristalline Flächen an Farben und Formen, die zunächst verwirren und einen abstrakten Eindruck vermitteln. Bei näherer Betrachtung lassen sich aber Strukturen und Elemente der sichtbaren Welt erkennen und es stellt sich eine polyzentrische Räumlichkeit heraus. Dabei  interessiert Diethart Verleger das Spiel von Wasser und Licht, das sich in Oberflächen bricht; sowie die Schichtung von elementaren Sphären, die wir sichtbar erfahren. Er übersteigert diese Eindrücke in eine kaleidoskophafte innere Welt, die durch seine Beobachtungen der äußeren Welt angereichert sind. Er ist nicht bereit, diese Bilder Klischees oder Kitschvorstellungen zu überlassen, sondern ist auf einer ehrlichen Suche nach immer neuen Varianten von Bildern, die unser Erleben im Vollspektrum umfänglich widerspiegeln.
 
                Wort und Sport beim englischen Gruße
                Sieh neuntausend Sonnen
                Umweltschon.
 
 
 
Sibylle Bross
Das Titelbild der Einladungskarte mit dem Titel „Vor dem Ritt“ zeigt in starkem Anschnitt von leicht unten ins längliche Geviert gesetzt einen Motorradfahrer, der sein Stahlross zäumt. Mit schwungvoll mäanderndem Duktus arbeitet sich der Pinsel diagonal von links unten nach rechts oben durch Bleche, Rohre und Lichter des Gefährts. Der Fahrer kontrolliert die Lage mit fragendem Gesichtsausdruck, die Konzentration ist ihm anzusehen.
Die Malerin Sibylle Bross ist Augenzeugin von vielen großen und kleinen Geschehnissen, die das pralle Leben tagtäglich bereit hält. Sie ist in der Lage auch in der Öffentlichkeit und unter freiem Himmel sofort ihre Entdeckungen auf Leinwand zu bannen. So schafft es beispielsweise die für sich gesehen banale Sitzgruppe mit Sonnenschirm aufs Bild, ihre Materialisierung in Farbe verleiht ihr beeindruckende Relevanz. Gerne geht man Gedanken nach, wer wohl gerade zu Tisch saß oder ob sogleich eine neue Gruppe eintrifft, um sich auszuruhen. Das Auge flaniert über die treffsicher ausformulierten Stuhlbeine, Blumen, Gartenelemente. Der Titel ihrer ausgestellten kleinen quadratischen, aber auch größeren langgestreckten Formaten ist „Endless Summer“. Einige dieser Bilder entstanden letztes Jahr, z.B. im Max Frisch-Bad Zürich oder auch in Dänemark, wo sie auch bis vor kurzem ausgestellt waren. Sie sind erstmalig in Deutschland zu sehen. Doch viele Eindrücke stammen auch aus diesem Jahr, festgehalten während eines nicht Ende nehmen wollenden Sommers. Und immer wieder begegnen uns Frauen, selbstbewusst von leicht unten ins Format gerückt, nah am Körper und Leben.
Die Malerin versteht es diese Sonnenstrahlen impressiv einzufangen und in ihr flirrendes Farbspektrum lebendig einzubinden. Im Gegensatz zu einer Fotografie, die Augenblicke als Schnappschüsse dokumentieren kann, gelingt es Sibylle Bross über die variable Geschwindigkeit und Vielschichtigkeit des Farbaufbaus mit Richtungswechseln und unterschiedlich bewerteten Parts Abschnitte des Erlebens wie eine Art synchronen Kurzfilm in ein Bild zu verdichten.
 
                Laute läuten Leute ein
                Öffne die Flasche
                Strahlen.
 
 
 
Wolfgang Jaehrling.
Sofort möchte man nahe herangehen und dann berühren, denn die Oberflächen dieser Montagen versprechen taktile Fingerspitzenerlebnisse. Ein Kombinat türmt sich auf: mineralische Fundstücke und bearbeitetes Material wie Rostblech oder eine Glasscherbe sind zur aufragenden Stele zusammengefügt worden. Genaueres Hinsehen offenbart kleine Einritzungen und Einkerbungen in harte Oberflächen, sogar figürlich gezeichnete Motive kann man entdecken. Weiter oben ein Gesicht im Profil, wie ein Flachrelief und ein anderer Stein als Haarteil aufgesetzt. Doch dieses Antlitz ist janusköpfig, schon auf der anderen Seite sieht es ganz anders aus und der Stein tritt dem Betrachter in seiner gewachsenen Oberfläche entgegen, die er im Wandel von Jahrmillionen erfahren hat und die Druck, Schichtung, Faltung, Spülung usw. in den Stein hineingeschrieben haben.
Wolfgang Jaehrling gelingt es einzigartige Kombinationen von Skulptur, Relief und Fundstücken zu erschaffen, die all diese unterschiedlichen, teils gegensätzlichen Potentiale wie in einem komplizierten Gleichgewicht beibehalten können. Es ist wie eine Art Jonglage, die Objekte wirken dadurch leicht, wie aufgestellt in wankendem Miteinander, nicht geklebt. Manche sind gar beweglich. Der Betrachter erfährt tausendundeine Überraschung, wenn der Blick den Faltungen, Kanten und Adern folgt. Er kann nachempfinden, wie der Künstler den Stein zunächst auswählen und erfahren musste, wie dieser – vergleichbar einer Handleserin – den Vorgaben der Geschichte im Stein nachspürte und sich plötzlich unter seinen Augen Figuren herauslösten und danach verlangten weiter ausformuliert zu werden. Ein Wechselspiel von zufällig gebrochenen Kanten und scharfer Formulierung. Hier geht Jaehrling niemals zu weit, um die Magie des Ursprünglichen zu bewahren. Diese spielerische Entdeckungsreise fördert mitunter surreale Begegnungen zutage, die sich auch in den Titeln wiederfinden: „Luftfisch“, oder „immerganzOhr“. Die Kalksteine geben Geschenke preis: Eingelagerte Spuren von Pflanzen und Tieren längst vergangener Zeiten kooperieren mit den eingeritzen Zeichnungen. Hier bildet sich eine ganze Bildhauereigeschichte ab von den Fundstücken erster menschlicher Skulptur (Venusfigurinen) von der schwäbischen Alb bis in die unmittelbare Gegenwart.
 
                Du siehst was, was ich nicht seh
                Millionen Jahre musst ich gähnend warten
                Einstein.
 
Albrecht Pfister
Jetzt sind wir – Sie ahnen es bereits – last but not least hier angekommen, wo sich Kreise schließen.
Ein großes Querformat auf Papier zeigt breite großzügige Pinselstriche. Locker und zielsicher gesetzt bemessen die Linien in Geraden und Halbkreisen das gesamte Blatt. In großer zeichenhafter Reduktion fügen sich die Elemente, die beinahe an einer Grenze von Malerei, Zeichnung und Kaligrafie liegen, zu einem dramatischen Ablauf zusammen. Die Verdichtung von Linien und die umrissenen Leerstellen sorgen für eine subtile Spannung.
Albrecht Pfister hat in vergangenen Jahren immer wieder auch Werke mit farbigem Glas gezeigt. Sowohl in der konsequenten Verstrebung der Bildelemente über das Blatt hinweg, als auch in der transparenten Anwendung von Farben, kann man diese Werke der Serie „Out of Balance I – VIII“ in Beziehung dazu setzen. So wie bei den Glasarbeiten sucht Pfister ein Wechselspiel aus Kreisen, Geraden und Schnittpunkten, aus denen er ein komplexes Gleichgewicht erstellen kann. Die Bilder der Serie zeigen eben oft zwei oder mehr Bildelemente, die in direkter Kommunikation miteinander stehen, die über geschwungene Linien verbunden sind. Mit verdichtenden Linien schafft er an der Schwelle zur Abstraktion einen treffsicheren perspektivischen Eindruck. Doch Harmonie und Gleichgewicht sind angegriffen. „Out of Balance“ eben. Die Kreise deuten Tassen, Schüsseln, Gefäße, Waagen, ja Boote an und man beginnt zu begreifen, dass diese in verschiedene Richtungen drängen. Wie von einem Sturm erfasst sind die Masten schräg, manches Boot scheint gedreht, gekentert und zerschlagen. Die Menschen fehlen, das Bildpersonal bleibt im Symbolischen, aber das Drama ist dennoch im Bild gespeichert. Der Künstler hat seine impulsive, fast tänzerische Handschrift rhythmisch ins Blatt eingeschrieben. Wie bei einer Partitur besitzt Pfisters Malerei analog zu instrumentalen Jazzstücken musikalische Qualitäten im Sinne von Improvisation und Variation. Die Geschwindigkeit wird durch teils wässrige Konsistenz der Acrylfarben, die Transparenzen und Überlagerungen zulässt, gesteigert. Die Überfahrt, der Weg über das fremde Element Wasser droht zu scheitern. Es ist was gewaltig aus dem Lot geraten. Wenn man es so sehen möchte, dann gibt es in der gesamten Ausstellung immer wieder eine essentielle Auseinandersetzung mit dem Wasser und in der Bootsthematik eine Klammer, die von Monika Walters Schwimmwesten zu den schwankenden Jollen hier führt.
 
                Mit Schwingen wird Platz freigemacht
                Die Stege bleiben gedacht
                Knirsch
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Die Reihe der einzelnen Künstler haben wir nun gemeinsam abgeschritten
Nun haben Sie hoffentlich einige Fäden zur Hand, mit denen Sie sich den Bildern nähern können. Weniger nach dem Motto „Was will die Künstlerin uns damit sagen?“, sondern mehr nach der Devise: „Was kann ich damit anfangen? Wo ist mein Einstieg?“ Denn das Bild entsteht erst im Kopf und dieser ist rund, damit – frei nach dem Zitat des Malers Francis Picabia – das Denken die Richtung wechseln kann. Machen Sie sich einen Reim, IHREN Reim auf die Kunst, vielleicht ein eigenes Gedicht? Längere Freude daran hat man damit – natürlich – wenn man Bilder mit zu sich nach Hause nimmt.
Zuguterletzt möchte ich noch darauf hinweisen, dass auch die Vorbereitungen für die Remstalgartenschau unter dem Motto „Alles fließt“ auf Hochtouren laufen. Die Künstlerinnen und Künstler der Waiblinger Künstlergruppe haben sich von den kulturpolitisch unzureichenden Bedingungen, einer 0 Finanzierung, in der Stadt für eine künstlerische Präsentation zur Gartenschau nicht abbringen lassen. Sie werden Ende Mai im Kameralamt für Sie eine Werkschau zeigen, die den Fluss, das Wasser und damit auch den Lebensquell zum Thema hat und damit abermals den Beweis erbringen, dass auch Waiblingen auch in der zeitgenössischen Kunst Bemerkenswertes zu bieten hat.
Ihnen danke ich für die lange Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen nun viel Vergnügen beim Schauen und bei angeregten Gesprächen über die Werke!


Wolfgang Neumann, info@wolfgangneumann.com, Dezember 2018

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regelmäßige Termine
Ausstellungen / Archiv

Kuenstlergruppe_Einladung_2017_mail1Kuenstlergruppe_Einladung_2017_mail2
 Einladungskarte_einladung_2015einladung_2015_hezel
                                                                                               Gerhard Hezel  "Jugendliebe" 2014/15

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michael



01_bross
Sibylle Bross,  Die Ungeborenen (Ausschnitt) 2015



02_entenmann   Birgit Entenmann, "verborgenes Erbe"




03_hallermannKlaus Hallermann, "in Erwartung", 1994



04_hezel
Gerhard Hezel, "Altarbild - Installation mit roter Armbanduhr", 2015




05_jaehrling
Wolfgan Jaehrling, Eisfotografie "Ruckzuck", 2015




06_neumann
Wolfgang Neumann, "Je pense", 2015




07_pfister
Albrecht Pfister, Flügelform, 2012



08_schuetzenberger
Michael Schützenberger, "dreifaltiges Haus"



09_verleger
Diethart C. Verleger, " Heartflame 4"



10_walter
 Monika Walter, "Schnittstelle", 2015



11_welker
Jan Welker, "26. April 1986 Tschrenobyl - 11. März 2011 Fukushima




12_wittmannBarbara Wittmann, " Schau"

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Aktiv




Jahresausstellung im Druckhaus Waiblingen
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Jan F. Welker: Carlotta, 2014


Galerie im Druckhaus Waiblingen
Albrecht-Villinger-Straße 10, 71332 Waiblingen
Archiv
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Plakat









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